Ist die Abfassung eines Testaments zwingend erforderlich ?

Ganzheitliche Vermögensberatung | Dezember 2018

Alexandre Genet

Finanzplaner, Bordier & Cie

Hat ein Verstorbener zu Lebzeiten keine testamentarische Verfügung getroffen, so werden die Erben und der ihnen jeweils zustehende Anteil am Vermögen vom Gesetz festgelegt. Leider entspricht die gesetzlich vorgesehene Aufteilung des Vermögens nicht immer den Wünschen des Erblassers. In der Schweiz existieren zwei Möglichkeiten, seinen letzten Willen kundzutun, nämlich das Testament und der Erbvertrag.

Das Testament ist ein wichtiges Dokument, denn es ermöglicht seinem Urheber, einseitig im Vorhinein die Aufteilung seines Vermögens nach seinem Tod vorzunehmen. Je grösser die Familie des Erblassers ist, desto stärker ist hingegen sein Handlungsspielraum eingeschränkt, denn er muss die gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtteile für bestimmte Erben (also Nachkom- men, Ehepartner und – sofern er keine Nachkommen hat – Eltern) berücksichtigen. Hingegen kann er über den Teil des Vermögens, der keinen Pflichtteil darstellt und der verfügbare Quote genannt wird, frei bestimmen.

Ein Testament ist also nur dann sinnvoll, wenn man von den gesetzlichen Bestimmungen abweichen möchte. Im Falle eines Erblassers, der Kinder und einen Ehepartner hat, erbt – sofern kein Testament vorliegt – der Ehepartner laut Gesetz die Hälfte, während die andere Hälfte zu gleichen Teilen auf die Kinder aufgeteilt wird. Werden durch ein Testament die Ansprüche der Pflichterben berührt, so verliert es keineswegs seine Gültigkeit. Allerdings sind die Pflichterben berechtigt, das Testament anzufechten und den ihnen zustehenden Anteil am Erbe zu verlangen. Sofern gewünscht, kann ein Erblasser auch die Ansprüche seiner gesetzlichen Erben auf den Pflichtteil beschränken und eine andere Person als Erben der verfügbaren Quote einsetzen. Möglich ist auch ein Vermächtnis in Höhe der verfügbaren Quote an jede andere Person oder Organisation.

Das Testament gestattet ferner die Festlegung von Regeln für die Aufteilung des Vermögens. Des Weiteren ist es möglich, einen Testamentsvollstrecker zu ernennen, der den Nachlass gemäss dem letzten Willen des Verstorbenen in Verwahrung nimmt und verwaltet. Die Ernennung eines Testamentsvollstreckers empfiehlt sich, wenn sich die Abwicklung des Nachlasses aufgrund seines Umfangs schwierig zu gestalten droht oder sich die Erben uneinig sind.

Neben dem öffentlichen oder mündlichen Testament ist das eigenhändige Testament die gängigste Form, seinen letzten Willen kundzutun. Dabei handelt es sich um ein vollumfänglich schriftliches Dokument, das auf jedem beliebigen Material niedergelegt sein kann, aber in keinem Fall von mehreren Personen unterzeichnet oder von der Hand einer anderen Person geschrieben sein darf. Ergänzungen oder Nachträge sind zulässig, sofern sie in der gesetzlich vorgeschriebenen Weise datiert und unterzeichnet sind. Die rechtliche Gültigkeit eines eigenhändigen Testaments ist an die Erfüllung folgender Bedingungen gebunden: Der Text muss vollumfänglich von Hand des Erblassers geschrieben und mit Datum und Ort der Abfassung sowie der Unterschrift des Urhebers versehen sein. Wer befürchtet, dass seine Nachkommen seine Zu- rechnungsfähigkeit in Frage stellen könnten, sollte sein Testament amtlich beglaubigen lassen. Ein Testament kann jederzeit geändert werden. Dennoch ist es in diesem Fall ratsam, ein neues Testament zu errichten und zu erklären, dass diese neue Fassung die zuvor getroffenen Verfügungen annulliert. Es gibt auch Fälle, in denen eine Person ihren letzten Willen im Laufe ihres Lebens ohne weitere Erläuterung mehrfach kundtut. In diesem Fall geht das Gesetz von einer Vermutung aus: Jede neue Verfügung ersetzt die vorherigen, sofern nicht offensichtlich ist, dass es sich um eine Ergänzung handelt. Im Lauf der Zeit können sich die Lebensumstände und die Einschätzung von Ereignissen ändern. Aus diesem Grund sollte man regelmässig überprüfen, ob ein zuvor errichtetes Testament noch aktuell ist.

Ein Testament kann sicher im eigenen Heim aufbewahrt oder gegen eine Vergütung bei einem Notar hinterlegt werden. Des Weiteren verfügen alle Kantone über eine Dienststelle, die dafür Sorge trägt, dass ein Testament nach dem Tod des Erblassers an die für seine Eröffnung zuständigen Behörden geschickt wird. Ferner ist jede Person, die ein von einer verstorbenen Person errichtetes Testament findet, gesetzlich verpflichtet, dieses an die zuständige Behörde weiterzuleiten. Abschliessend möchten wir hinzufügen, dass ein Testament jederzeit durch Vernichtung der Urkunde wider- rufen werden kann. Daher sollte man sich vergewissern, dass keine weiteren Exemplare davon existieren, die z.B. zuvor bei einem Notar oder einer Kantonalbehörde hinterlegt wurden.

Dieser Artikel ist Teil der Ganzheitlichen Vermögensberatung vom December 2018, siehe auch: